Sonntag, 8. Juni 2008

Ophelia und die Weiden - Perdita Iuventus


Wieder einmal bleibt man während der Hamlet-Lektüre an etwas rein Pflanzlichem hängen - der romantischen Weide am Wasser. Doch romantisch wurde sie erst durch Shakespeare selbst und die Romantiker. Wie aber sah man zu Shakespeares Zeiten (vor Shakespeare) die Weide?

Einfach ist die Botanik nicht in der Zeit vor Linné, dem alten Schweden. Fuchs’ Kräuterbuch beschrieb gerade mal drei Weiden-Gruppen: die einen, die anderen und die kleinen. Da ist man heute schon weiter und unterscheidet scharfsinnig zwischen rund zwanzig verschieden Spezies der Gattung Salix. Doch bei Shakespeare waren die Arten noch zu einem einzigen Begriff verschmolzen. Die Salweide mit den grauen Blättern, die Bruchweide, die über den Fluss hängt; die Korbweide, aus der man Körbe flechtet: alles war ein Weidenbaum.

Die Königin Gertrude wird zur Botin, wenn sie vom Tode der Ophelia (Ham 4.7.164 ff.) berichtet:
There is a willow grows askant the brook
That shows his hoary leaves in the glassy stream.
Therewith fantastic garlands did she make
[…] There … an envious sliver broke,

Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach
Und zeigt im klaren Strom sein graues Laub
Mit welchem sie phantastisch Kränze wand
[…] Dort … zerbrach ein falscher Zweig,
[Zum Verständnis: Ophelia geht zur Weide, um mit den Zweigen der Weide einen Kranz zu flechten. In den die anderen Blumen erst eingeflochten werden sollten.]

Die Weide wird unter Berufung auf Othello als Symbol für die enttäuschte Liebe gesehen, doch eine andere, tradierte Bedeutung, die auf Homers Odyssee (X.510) zurückgeht, und die in zeitgenössischen Emblemata aufgegriffen wird, verdient der Erwähnung. Die Weide steht nach Homer auch für Unfruchtbarkeit oder gar verlorene Frucht, wie es beispielsweise in dem Emblem PERDITA IUVENTUS (B. Aneau, Picta poesis 1552) ausgedrückt wird.
Frugisperda Salix, cui dat circunfluus humor
Nutrimen, calamos inter arundineos.
FILIUS est cui patris opes alimenta ministrant,
Ut fluat in molles undique delicias.
Inter adulantum pulchras specie, sed inanes
Turbas, blanditiae flexilis & Coracas.
Aetatis cum flore suae qui semina perdens
Virtutum: nulla posteà fruge valet.

Damned Youth - The fruitless willow, fed by water that flows around it among the reedy rushes, is a boy for whom his father’s wealth secures a living, so that he can lose himself in sweet delights of all sorts, amenable to flattery among crowds of flatterers and ravens, fine to look at but empty. He loses with the flower of his beauty the seeds of virtue; later, he will produce no fruit.

Vertane Jugend - Die fruchtverderbende Weide, welcher das herumfließende Wasser Nahrung gibt zwischen dem Schilfrohr, sie ist der Sohn, den des Vaters Mittel reichlich versorgen, so daß er ringsum in weichem Genuß zerfließt zwischen den Scharen der Schmeichler, die schön anzusehen, doch nichtswürdig sind, und den umgarnenden, wendigen Corax-Jüngern. Wer in der Blüte seiner Jahre den Samen der Tugend verliert, wird später niemals Frucht bringen.
Das frugisperda ist eine Übertragung aus dem Griechischen, es ist Homers clesakarpoj. Doch bereits beim perda griff man bereits wieder auf die klassische Mythologie zurück, zu finden in den Metamorphosen Ovids: Das Rebhuhn perdix, das die Höhe fürchtet und deshalb nur dicht am Boden bleibt, entstand aus dem 12-jährigen Neffen des Daedalus, den dieser aus Eifersucht über die Erfindung von Säge und Zirkel von der Klippe stieß. Ovid Met. IIX.236-259 »Daedalus wurde neidisch, stürzte ihn kopfüber von Minervas heiliger Burg und gab vor er sei ausgeglitten. Doch Pallas, die begabten Menschen gewogen ist, fing ihn auf, machte ihn zum Vogel und gab ihm mitten in der Luft ein Federkleid. Aber die Kraft seines einst so beweglichen Geistes ging in die Flügel und Füße über. Der Name blieb derselbe wie vorher.«

In der Zeit religiöser Auseinandersetzungen ist selbstredend auch die christliche Symbolkraft eines unfruchtbaren Baumes (wie vermeintlich auch der Weide) von Bedeutung. Da klingen primär die donnernden Worte von Johannes dem Täufer im Matthäus- und Lukas-Evangelium nach: Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum: jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

Dienstag, 29. April 2008

Von Schwämmen und Körpern


(Ham IV.2) In dieser sehr kurzen Szene versuchen die beiden IM Wittenberg 1 und 2 den Leichnam des Polonius ausfindig zu machen. Sie, die Schwämme, scheitern selbst an solch einem simplen Auftrag. Hamlet wird persönlich und redet (wie einst Jesus) in gleichnishaften, alchymistischen Rätseln:
ROSENKRANZ. Sagt uns den Ort, daß wir ihn weg von da in die Kapelle tragen.
HAMLET. Glaubt es nicht.
ROSENKRANZ. Was nicht glauben?
HAMLET. Daß ich euer Geheimnis bewahren kann und meines nicht. Überdies, sich von einem Schwamme fragen zu lassen? Was für eine Antwort soll der Sohn eines Königs darauf geben?
ROSENKRANZ. Nehmt Ihr mich für einen Schwamm, gnädiger Herr?
HAMLET. Ja, Herr, der des Königs Miene, seine Gunstbezeugungen und Befehle einsaugt. Aber solche Beamte tun dem Könige den besten Dienst am Ende. Er hält sie wie ein Affe den Bissen im Winkel seines Kinnbackens; zuerst in den Mund gesteckt, um zuletzt verschlungen zu werden. Wenn er braucht, was Ihr aufgesammelt habt, so darf er Euch drücken, so seid Ihr, Schwamm, wieder trocken.

ROSENKRANZ. Ich verstehe Euch nicht, gnädiger Herr.
HAMLET. Es ist mir lieb: eine lose Rede schläft in dummen Ohren.

ROSENKRANZ. Gnädiger Herr, Ihr müßt uns sagen, wo die Leiche ist, und mit uns zum Könige gehn.
HAMLET. Die Leiche ist beim König, aber der König ist nicht bei der Leiche. Der König ist ein Ding —
GÜLDENSTERN. Ein Ding, gnädiger Herr?
HAMLET. Das nichts ist: bringt mich zu ihm. Versteck’ dich, Fuchs, und alle hinterdrein!
Hamlets kleine Narretei bildet (wie Jesus’ Salzfass) die Ausgangsbasis für ein gigantisches postmodernes Geschwurbel über die Herrschaften des Körpers und die Körperschaften der Herren.

Das Paradoxon von den Ersten und den Letzten findet sich schon in der Bibel, bsp. im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, Matthäus 20,16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Und wir singen den Psalm 144, Vers 3 und 4
HERR, was ist der Mensch,
dass du dich seiner annimmst,
und des Menschen Kind,
dass du ihn so beachtest?
Ist doch der Mensch gleich wie nichts;
seine Zeit fährt dahin wie ein Schatten.

Sonntag, 6. April 2008

Thalheimers Hamlet: Kritik der Kritik

WELT: Wenn tote Helden von der Bühne starren
Stefan Grund schreibt in der Welt: Triumphaler Hamlet, phänomenales Ensemble, Thalia Theater erste Wahl in Deutschland. Schöne Arabeske: „Gegen wen aber kann im Schach noch gewinnen, der schon vor Spielbeginn seinen König verlor?“ Anständiger, begeisterter Artikel, der auch noch Sachkenntnis beweist.

SPON: Auf der Couch mit Hamlet
In der recht wirren Kritik lässt Jenny Hoch das Wort Prozac auftauchen und gibt Hamlet den guten Ratschlag mit auf den Weg: „Würde er rasch ein paar Glückspillen einwerfen, sähe das Leben schon nicht mehr ganz so grau aus.“ Vielleicht sollte der Artikel doch lieber „Auf die Couch mit Jenny" heißen.

SZ/dpa: Michael Thalheimer verdichtet „Hamlet“
Die grandios überbewertete Süddeutsche Zeitung übernimmt einen Beitrag der Deutschen Presse-Agentur dpa und entlarvt sich selbst: „In gewisser Weise ehrlich sind noch Gertrud und Claudius in ihrer Liebesversessenheit. Selten ist das «böse Paar» so sympathisch und frei von Klischees gezeichnet worden.“ Wir bremsen auch für Diktatoren. - In dem nicht namentlich gekennzeichneten Artikel wird das verbotene Wort „quasi“ verwendet, weiterhin gibt es mehrfach Ironie-Anführungsstriche. Von der erwähnten Jubelfeier habe ich nichts bemerkt, es wurde zwar begeistert applaudiert, aber nicht so, dass der Hanseat seine Haltung verloren hätte.

Haha-Hamlet - Hat dieser Kerl kein Gefühl von seinem Geschäft? Er gräbt ein Grab und singt dazu

Karg war das Bühnenbild im Thalia-Theater, nur auf einem schachbrettartigen Parkett agierten die Gestalten, im Hintergrund wartete der Rest des Ensembles wie Auswechselspieler einer Eishockeymannschaft auf ihren Einsatz. Karg war die Ausstattung mit Kostümen: eine Unterhose der Ophelia fehlte, wie auch der BH für Königin Gertrude. Beim Auftritt des Geistes bekreuzigte sich eine Zuschauerin mit den Perlenohrsteckern, weniger vor Furcht, vermutlich eher aus Mitleid mit dem Penisschwinger.

Hamlets Sein-oder-Nichtsein-Monolog schien von den Teletubbies inspiriert: Nochmal, nochmal! Auf den verzweifelt Geschrieenen folgte der düster Geraunte. Das hört sich jetzt vielleicht etwas bösartig an, deshalb soll der Hamlet Hans Löw ausdrücklich über den grünen Klee hinaus gelobt werden. Schöne Stimme, kraftvoller Typ. Präsenz, Aura, Größe.

Da jede Hamlet-Inszenierung auch ein Spiegel der Zeit ist, verwundert es nicht, dass in dieser Inszenierung dem Polonius, Musterbeispiel eines wildgewordenen Bürokraten, der meiste Platz eingeräumt wird. Sein Bruch des Postgeheimnisses mit Verkündung des Hamletschen Vierzeilers „Zweifle an der Sonne Klarheit, Zweifle an der Sterne Licht, Zweifl’ ob Lügen kann die Wahrheit, Nur an meiner Liebe nicht“ wurde ausgewalzt und eingefaltet wie ein Hamburger Franzbrötchenteig und Gertrudens Einwurf „Mehr Inhalt wen’ger Kunst“ mit Szenenapplaus bedacht. Der sonst hervorragende Norman Hacker zeichnete reichlich Anleihen bei der Jim-Carrey-Bank für kinetische Kaspereien, aber was solls.

Und der wortgewandte intrigante Mörder und Blutschänder Claudius? Er hätte vor Hamburgs korrupten Richtern sicher Gnade gefunden, inklusive Asylrecht und bei vollem Bezug seiner königlichen Rente. Verkehrte Welt: Es steht Tragödie auf der Hamlet-Packung, doch die Leute sehen nur Comedy.

Trotzdem: ein guter, hochklassiger Theaterabend. (4 von 5)

Hamlet. Thalia Theater, Premiere Sa, 5. April 2008
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Henrik Ahr, Kostüme: Barbara Drosihn, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: John von Düffel – Darsteller: Hans Löw (Hamlet), Felix Knopp (Claudius, König), Victoria Trauttmansdorff (Gertrud, Königin), Norman Hacker (Polonius), Paula Dombrowski (Ophelia), Jörg Koslowsky (Laertes), Jan Dziobek (Der Schauspieler), Markus Graf (Geist, Hamlets Vater/Osrick), Moritz Grove (Rosenkranz), Andreas Köhler (Güldenstern), Peter Per (Reinhold)

Dienstag, 5. Februar 2008

Der Stagirit spricht

Die für die Hamletsche Abschweifung herangezogene Stelle aus dem Werk des Aristoteles konnte ich ausfindig machen. De sensu fand sich gleich zu Beginn in einer von Eugen Dönt übersetzten und editierten Ausgabe der Kleinen Naturwissenschaftlichen Schriften (Parva naturalia).

Was Wahrnehmung und Wahrnehmen ist und aus welchem Grund diese Erscheinungen bei den Lebewesen vorkommen, wurde früher in der Vorlesung über die Seele gesagt. Lebewesen müssen, insofern jedes ein Lebewesen ist, Wahrnehmung haben, denn dadurch unterscheiden wir Lebewesen von Nicht-Lebewesen. Was nun die einzelnen Sinne betrifft, kommt allen Lebewesen notwendig Tast- und Geschmackssinn zu, Tastsinn aus dem in der Vorlesung dargelegten Grund, Geschmackssinn der Nahrung wegen; denn durch den Geschmackssinn unterscheidet das Lebewesen zuträgliche von nicht zuträglicher Nahrung, so daß es die eine meiden, die andere aufsuchen kann: der Geschmack ist ja das Charakteristikum der Nahrung. Die Sinne, die auf ein äußeres Medium angewiesen sind, also Riechen, Hören und Sehen, haben die Lebewesen, die sich fortbewegen können. Alle, die diese Sinne besitzen , haben sie zum Zweck der Erhaltung, um die Nahrung aufzuspüren zu können, die sie aufsuchen sollen, und um die schlechte und verderbliche meiden zu können. [437a] Lebewesen, die mit Intelligenz begabt sind, haben diese Sinne zum Zweck des Wohlbefindens, denn sie machen sie mit distinktiven Merkmalen bekannt, woraus theoretische und praktische Einsicht folgt. Von diesen Sinnen ist für die Notwendigkeiten des Lebens des Gesichtssinn seinem Wesen nach, für das Wissen der Gehörsinn indirekt entscheidender. Denn dadurch, daß alle Körper Farbe haben, …


Und so weiter und so fort, mit dem Unsinn der Induktionskochplatte Aristoteles. Man kann getrost jeden Satz in die Tonne kloppen, aber man fühlt durch den Geist des Schwurbels, der Hamlet reitet, als seiner Mutter Vorträge hält.